Ein Beitrag von Nadia

Mai 2020

In extremis.

-ruggero-

Ich sitze da, es ist Ende Monat, die Lohnzahlungen stehen an. Und die Zahlung des SVA und die des BVG und die Spesen, und, und… Gerechnet hätte ich im April über 140h verrechenbar sein sollen… Der rote Balken aber ist höher als der grüne im Bexio… so wie die letzten Monate auch! Wie lang mögemer das hebe? Ich fühle mich verantwortlich und auch etwas alleine, als Auftragsdesigner, Konzeptionierer, Arrangeur, Ideenbringer, Macher, Kundenbeziehungspfleger, Coach, Teacher, Mentor, Rechnungssteller, Korrigierer, Ansprechspartner, Familienvater, Supporter, Socializer, Blogschreiber, Adminfuzzi, Buchhalter… Was ich reinhole zahlt unsere Rechnungen… oder eben jetzt gerade nicht.

Der Druck steigt, ich han en Klotz im Buuch, es macht mi wahnsinnig und laht mi nid los, ich ziehe mich zurück in mein Schneckenloch und es hirned eifach Tag und Nacht. Ich arbeite für die Löhne des gesamten Teams, für das GA, für alle Anschaffungen, ich bin der, der die verrechenbare Dienstleistung erbringt. Ich frag mich «back to square one»? Tabula rasa?

Ich tausche mich mit anderen Coaches im Netz aus, en WhatsApp Call mitem Kusi, en FaceTime Walk mit de Esther… Ein NEIN ist immer auch ein JA zu etwas Neuem! Und ein JA hat immer seinen Preis! Das hat mich inspiriert. Ich sehe derzeit keinen anderen Ausweg. Es schmerzt, fühlt sich leer an aber es ist nötig… let’s get over it! Ich bin ein Gefühlsmensch, und nach dem Gespräch mit Nadia, gehe ich irgendwie noch leerer nach Hause. Es fühlt sich falsch an. Können wir das anders lösen? Begebe ich mich in ein neues Hamsterrad? Wie bringen wir die Mädels raus an die Front, damit sie ihre eigenen Kosten decken? Daran sollten wir arbeiten. Es zumindest versuchen. Denn das ist ja unser Credo, wir denken unternehmerisch. In unserem Team Agreement versuchte ich es in Worte zu fassen. «Get what you earn Prinzip» hab ich es genannt. Wenn wir alle etwas dafür tun, sollte es gehen. Daria ist eh ab Juli wieder in Ausbildung, dann müssen Nadia und ich ready sein. Zwei bis drei Monate geben wir uns um daran zu arbeiten. Leben wir doch was wir predigen, ab in den recursive learning cycle… let’s give it a try, let’s rethink it and learn… then love it - change it or leave it…

Es tönt immer so eifach, isches das au? Wir müssen Anpassungen an unserem «crativ Team Agreement» vornehmen. Aufpassen, dass wir uns nicht in einem so kleinen Team überstrukturieren.

Chani mi würkli uf mis Buchgfühl verlah? Bis jetzt scho…

-daria-

Ich habe meinen Vater noch nie so ausgelaugt erlebt. Er schuftete und arbeitete. Tag und Nacht. Um es bizzeli Durchatmen zu können, setzte er sich trotz den Bergen an Arbeit auf sein Bike um den Kopf zu lüften und irgendeine Art von Balance zu finden nebst dem ganzen Druck. Wir hatten während dieser Zeit einige Gespräche. Wie können wir die Last auf seinen Schultern reduzieren? Weniger Arbeiten? Schwierig mit einer Familie die gerne etwas zu Essen hat. Hinzu kommen die Löhne, die bezahlt werden müssen. Mehr Disziplin? Alles strukturieren und durchplanen? Ist nicht so à la crativ… «Was, wenni wie vo vorne afange und alles elleige mache? Denn mueni nur mich zahle und chan au bizz abeschruube» Ich vermute, dass das die in der Verzweiflung «einfachste» oder vielleicht schnellste Lösung war. Jedoch aber auch nicht so à la crativ…

«Daria, ich bin hüt mit de Nadia go laufe»… «Oh okay… Schluck. Und?»… «Mir gönd jetzt trännti Wäg, isch glaubs am Gschiidste. Denn hani wenigstens de ganzi Druck weg.» Wow. Hoppla…

Dieses Wochenende war mega komisch. De Papi war so ruhig wie noch nie. Für Nadia brach die Welt zusammen. Ich wusste nicht was tun und ging dem Ganzen aus dem Weg. Das ganze Wochenende habe ich mein Handy nicht einmal eingeschaltet, um niemandem etwas erklären zu müssen. Und um etwas Klarheit und Veränderung zu schaffen, räumte ich mein komplettes Zimmer um.  Nebenbei kriegte ich noch mit, dass Nadia und mein Vater sich mit dem Bike getroffen haben. Mehr wusste ich jedoch nicht, ausser, dass vermutlich ein Austausch stattgefunden haben muss…

So kam ich am Montag mit mulmigem Gefühl zur Info & Brainstorming Session und mir fiel ein Stein vom Herzen als mitgeteilt wurde, dass wir weiterhin als Trio unterwegs sein werden. Leck bobi, was für ein Weekend. Was für eine Gefühlsachterbahn…

Und doch denke ich, es war nötig dieses Drama erlebt zu haben. Daraus kann man einiges lernen. In der Infosession am Montag waren wir so offen und ehrlich wie noch nie. Wir haben einen riesigen Gump gemacht, was unsere Organisation, unsere Zusammenarbeit und unser Dasein betrifft. Es wurde klar, was gefehlt hat, wo wir uns verbessern können um effizienter und besser zusammen zu arbeiten. Als ein Team. Nicht jeder für sich. Alle zusammen. Und das ist vermutlich die wichtigste Erkenntnis und die beste Erfahrung, die wir machen konnten. Wir leben was wir machen. Zusammen sind wir stark und können die Welt erobern. Und Dinge verändern. Super cheesy I know… But it’s the truth. Wir sind crativ. Wir sind the other way around.

-nadia-

Der Corona Virus hat dazu beigetragen, dass ich meine beiden Lieblingsgspänli nur noch online via «crativ Minion» unserem SurfaceHub zu Gesicht bekam. Die Distanz machte sich irgendwie insofern spürbar, als dass wir zunehmend angespannt waren und den Draht zueinander zu verlieren schienen.

Ich vermisste das weekly meet&update mit gemeinsamem Kaffee und regem Austausch. Ich vermisste Darias erfrischende Art und ihr Lachen. All das, was crativ für mich ausmachte, fehlte. Surfacehub hin oder her. S’isch eifach nöd s’gliche. Begegnungen sind unser Benzin!

Ruggero war Tag und Nacht damit beschäftigt, Coachings zu organisieren, zu zeichnen und zu schauen, dass es irgendwie läuft. Trotz Coronakrise. Es fiel mir immer schwerer, an ihn ran zu kommen. Ich wollte ihm helfen, ihn unterstützen, Dinge erledigen, die er abgeben konnte. Doch, hatte ich Fragen, weil mir etwas noch unklar war, fiel es mir schwer, ihn anzurufen oder zu schreiben, wie er das denn nun meine. Oder gerne hätte. Ich scheute seine Antwort.  Wollte ihn nicht zusätzlich stressen. Und wusste seine Antwort ja sowieso: «just fucking do it»…

Der Graben wurde für mich immer grösser und das beklemmende Gefühl, den Anschluss irgendwie verloren zu haben und Ruggero nicht mehr zu erreichen, machte mir Sorgen. Diese weekly online meet&updates wurden biz zum notwendigen Übel, das ich lieber hätte ausfallen lassen. Weil ich die Anspannung nicht ertragen konnte. Ruggero klagte; er hätte en Siech voll Arbeit. Er könne nachts nicht schlafen. Das alles, weil ihn das Ganze derart belastet.

An Ostern sah ich ihn beim Spaziergang mit meiner Familie auf dem Bike. Er lächelte nur müde. Ich war irritiert. Beim darauffolgenden meet&update merkte ich, dass etwas nicht stimmt. Er hatte das Teamagreement angepasst und informierte uns darüber. Wir sollen es doch mal durchlesen. Ich fragte mich, warum er uns denn nicht grad direkt sagt, was er gerne anders haben möchte. Dafür waren doch genau diese meet&updates gedacht, oder nicht? Ich konnte mit Ruggero immer offen über alles sprechen, auch über was man verbessern könnte. Oder was man anpassen müsste. …Dass er die Änderungen nun schriftlich vorgenommen hatte, enttäuschte mich. Wo ist hier die Offenheit? Die Feedbackkultur?

Ich hätte das Gespräch suchen sollen. War aber zu feige nach einem Treffen zu fragen. Bis Ruggero schrieb. Und fragte, ob ich Zeit hätte. Wir trafen uns und er erklärte mir die Situation. Seine Verzweiflung. Und seinen einzigen Ausweg. «Also heisst das, dass du mir etz eigentlich chündisch?» fasste ich zusammen. Ich erkannte den Ernst der Lage und war bereit, diese Lösung zu Respektieren.

Wir verabschiedeten uns. Ich solle das Ganze setzen lassen. Ich liess es setzen. Und wurde mir plötzlich klar darüber; ich kann das nicht einfach so hinnehmen. crativ ist nicht irgendein Unternehmen. Diese Anstellung ist nicht irgendeine x-beliebige Stelle. Es ist mein Baby geworden. Es ist genau das, worauf ich von Anfang an stolz und dankbar war, Teil davon sein zu dürfen. Ich konnte das nicht einfach so weggeben. Diese Kündigung so hinnehmen. Also beschloss ich zu kämpfen, eine Lösung zu finden.

Ruggero schien es ähnlich zu gehen. Und als wir uns zwei Tage später zur Einweihung meines neuen crativ Bikes trafen, waren wir uns einig: Let’s solve it the other way around. Let’s just fucking do it. In extremis.

-ruggero-

Wie macht ihr es gerade? Was beschäftigt euch so? Welche neuen Türen haben sich geöffnet? Welche Entscheidungen habt ihr getroffen? Mier sind gwundrig!


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